handwerklichkeit

Theoretische Arbeit zum Thema Handwerklichkeit

Zunehmende Handwerklichkeit in Zeiten des Gesellschaftlichen Wandels – Kontroverse zwischen der Erfüllung von Selbstverwirklichung und niederen Bedürfnissen

 

Intro:

Schon der Nobelpreisgewinner Konrad Lorenz schrieb 1973 von Vorgängen, die die Menschheit gefährden. Im Buch „Acht Todsünden der zivilisierten Menschheit“ ist vom  „Wettlauf der Menschheit mit sich selbst, der die Entwicklung der Technologie zu unserem Verderben immer rascher vorantreibt, die Menschen blind für alle wahren Werte macht und ihnen die Zeit nimmt, der wahrhaft menschlichen Tätigkeit der Reflexion zu obliegen“ die Rede. Klingt vorerst weit hergeholt, vor allem wenn man den Werktitel betrachtet. Allerdings ist in seinem Werk, welches von der gesellschaftlichen Veränderung handelt, bereits einiges aus einem einzigen Satz zu entnehmen: Wörter wie Werte, Reflexion, Zeit und menschliche Tätigkeit sprechen für sich aber auch für das Handwerk. Die folgende Hausarbeit behandelt die Veränderung der Gesellschaft, welche an Hand von der zunehmenden Bedeutung von Handwerk, sichtbar wird. Äußert sich die Handwerklichkeit in der Befriedung der Grundbedürfnisse oder in der Selbstbestimmung?

1. Veränderung der Gesellschaft – am Beispiel der veränderten Bedeutung von Handwerklichkeit

Natürlich unterliegt unsere Gesellschaft ständigem Wandel. „Von einer Gesellschaft der Bauern zu einer Gesellschaft der Fabrikarbeiter und schließlich zu einer der (…) der Wissensarbeiter und Dienstleister“.[1]
Nun geht es weiter und die Bevölkerung wird zu Meinungsmachern, Kreativen und Emphatieproduzenten, bei denen Handwerklichkeit wiederentdeckt und die Würde des Produkts wieder gefunden wird.[2]

Zuerst einmal muss festgehalten werden wo, bzw. in welchen Gesellschaften sich die Bedeutung von Handwerklichkeit verändert. Hier ist die Rede von westlichen, weit entwickelten Kulturen. Es ist nicht zu pauschalisieren, dass alle Kulturen gleich schnell der Handwerklichkeit zurückblicken, aber da die Handwerklichkeit in so vielen Bereichen auftaucht, kann man schon fast wieder sagen: Überall in hochentwickelten Kulturen gewinnt Handweklichkeit zunehmend an mehr Bedeutung.

Wieso nimmt die Bedeutung von Handwerklichkeit zu?

Eine mögliche Antwort ist, dass sich die westliche Gesellschaft kaum noch im Zeitalter der Industrialisierung sondern der Digitalisierung befindet. Vielleicht ist die Angst das  Dreidimensionale zu verlieren groß, sodass eine Gegenbewegung stattfindet, die sich im Handwerk widerspiegelt. Möglicherweise treten diese überzeichneten Gegenbewegungen aber auch nur auf, weil derzeit eine so große Veränderung stattfindet.
Eine andere Antwort könnte sein, dass die Handwerklichkeitsbewegung nichts weiter als der aktuelle Ausdruck einer „post-industriellen Nostalgie für das Vor-Industrielle“ist  [3] . McGuirk ist der Auffassung, dass eine Rückkehr zum Handwerk nur ein Hervorbringen dunkler Phantasien von einem globalen wirtschaftlichen Zusammenbruchs ist. [4]

Die offensichtlichste Bewegung ist die des Do-It-Yourself in Bereichen des Haushalts. Sprich kochen, backen, nähen, handwerken, eigenes Herstellen von Alltagsgegenständen. Hier ist die Rede von der eigeninitiierten und improvisatorischen Produktion ohne auf die Unterstützung von Experten und Professionen zurückzugreifen. [5]
Wieso ist die Affinität zum Handwerk und zum Selbermachen nicht schon früher ausgebrochen? Vielleicht bieten gerade die sozialen Netzwerke den nötigen Anreiz und die nötige Inspiration. Sich auf Pinterest stundenlang inspirieren lassen, sodass man nahezu mit tollen Ideen überhäuft wird, dann das Projekt in die Hand nehmen und letztlich sein Werk posten und mit anderen teilen. Und derjenige der es dann in einem sozialen Netzwerk sieht, wird wieder neu inspiriert und motiviert. So beginnt sich der Kreis zu drehen und das Interesse an Handwerk nimmt auf Grund von sozialen Netzwerken zu. Vielleicht kann man sogar so weit gehen und behaupten, dass ohne diese Medien der Handwerkstrend nicht ausgebrochen wäre. Denn nur durch den richtigen Anreiz (hier Anerkennung und Bewunderung) gehen Menschen diesen Tätigkeiten nach. Denn„Habsucht und Neid sind nicht von Natur aus so stark, sondern infolge des Drucks, ein Wolf unter Wölfen zu sein“ [6].

Eine andere Antwort auf die Frage, warum die Bedeutung von Handwerk zunimmt, wäre, dass im ’selbst handwerken‘ eine persönliche Herausforderung an sich selbst angenommen wird. Dadurch kann Haltbarkeit und Persönlichkeit entstehen, die vom Wissen anderer abgrenzt werden kann. Diese Distinktionsmöglichkeiten fangen schon bei unseren tiefsten menschlichen Bedürfnisse an: Sicherheit.  Rahmen und Grenzen, in denen man sich sicher bewegen kann sind gewünscht. Aber um einen neuen Rahmen zu schaffen versuchen wir uns von anderen abzugrenzen. Vielleicht zeigt auch die zunehmende Handwerklichkeit einen Wunsch der kulturellen Distinktion. Auch eine naheliegende These, wenn auf die Geschehnisse der vergangenen und jetzigen Zeit zurückgeblickt wird: Flüchtlingskrise und Brexit. Großbritannien steigt aus der EU aus, weil mehr Selbstbestimmung gewünscht ist und weil die Briten selbst bestimmen wollen, wer in das eigene Land darf und wer nicht. Also drei Argumente: Distinktion, Sicherheit und Bestimmung.
Könnte man dann nicht denken, dass das Handwerksinteresse aus den gleichen Gründen steigt und eine Gegenbewegung zum bestehenden System ist?

Wieso gefällt das Handwerken wieder so gut? Sicherlich assoziieren die Mensch damit die Ausübung von Kunst, die mit dem sinnlichen Vergnügen und der lustvollen Befriedigung des Tätigkeitsdranges kombiniert wird. [7]Ähnlich sieht es auch Richard Sennet. Die handwerkliche Orientierung ist keineswegs eine Erinnerung an eine Lebensweise, die mit der Entstehung der Industriegesellschaften verschwunden sei, vielmehr verweist sie „auf ein dauerhaftes menschliches Grundbestreben: Den Wunsch, eine Arbeit um ihrer Selbst willen gut zu machen“. [8]

1.1 Veränderung werden sichtbar an Trends und Megatrends – Beispiele

Megatrends, die im übrigen  ein Halbwertszeit von 35-50 Jahren haben, spiegeln das Interesse und die Umgebung der Gesellschaft wieder und markieren Veränderungen. Viele von ihnen erlauben einen Blick in die Zukunft,  die für die Ausrichtung des Unternehmens- und Produktangebotes entscheidend sein kann. [9]

Allerdings muss man auf die Unterteilung von Megatrend und dessen kleinen Trends unterteilen. Beispielsweise ist makermovement kein Megatrend, sondern der Megatrend heißt Individualisierung. Ebenso ist internet of things oder carsharing kein Megatrend, sondern Konnektivität ist der Megatrend. Dennoch ist es spannend, dass oft kleine ‚Trends‘, die übrigens kein Trend mehr sind, wenn sie schon wahrgenommen und sichtbar geworden sind, oft der Nährboden für einen weiteren Trend oder auch mehrere Megatrends sind. Also kann man nicht sagen, dass Internet of things dem Megatrend Konnektivität entsprungen ist. Vielleicht ist sogar Internet of things‚ der Nährboden für den Megatrend Konnektivität gewesen.
Ein Weiterer Unterschied zu allgemeinen Trends ist, dass die Megatrends miteinander verflochten sind und nicht, wie allgemeine Trends, nebeneinander laufen.

An dieser Stelle muss die vorherige These ‚Trends die wahrgenommen und sichtbar geworden sind, sind keine Trends mehr‘ hinterfragt werden. Lässt sich bei der ‚DIY‘ (Bedeutung: Do it yourself) Bewegung und anderen ‚Handwerklichkeit Trends‘ nicht gerade diese These widerlegen? Hat eigentlich nicht wirklich jeder schon diesen Trend wahrgenommen? Oder steht nur selbstreflektiert denkenden Wesen diese Erkenntnis zu? Wie wird denn „wahrgenommen und sichtbar“ definiert? Ab wann gilt ein Trend als wahrgenommen?

In den Megatrends New York, Neo-Ökologie, Wissenskultur, Individualisierung und Urbanisierung ist der Handwerkstrend am deutlichsten zu spüren. Das ist immerhin schon fast die Hälfte der entscheidenden Megatrends. Die Nachhaltigkeitsgesellschaft, das Maker Movement und  Urban Farming sind Trends des Megatrends Neo-Ökologie. Allerdings spielt auch der Trend Identitätsmanagement (Megatrend: Individualisierung) eine sichtbare und spürbare Rolle der Handwerklichkeitsbewegung.
Selbstverständlich trifft man im Bereich des Megatrends New York auf Trends wie Urban manufakturing, Flexicurity, und Kreativ Ökonomie. Aber auch in eher nebensächlich erscheinenden Trends wie Achtsamkeit, Lebensqualität, Open science 24/7 Gesellschaft, Migration, Talentismus, Industie 4.0 und Megacitys können Gründe für die Handwerklichkeitsbewegung sein. Das spannende ist, dass diese Liste lange weiter gehen könnte. In fast jedem Trend kann man eine Bewegung zum Handwerk beobachten.

1.2 Tritt nun gesellschaftlicher Rückschritt ein und wie oder wieso könnte diese stattfinden?

Ist die Handwerklichkeitsbewegung ein Zeichen evolutionären Fortschritts? Ist Stillstand auch schon ein Rückschritt? Vielleicht ist es gar kein Rückschritt, wenn versucht wird altes zu bewahren. Dabei stellt sich doch die Frage wie Fortschritt messbar ist. Aber nur weil etwas nicht messbar ist kann es doch trotzdem existieren, oder?

Dennoch könnte man denken, dass das Innovationsinteresse der Allgemeinheit sinkt. Wie es aus den Studien über die Generation Y zu entnehmen ist, haben immer weniger junge Menschen Interesse eine Führungsposition einzunehmen. Einzelne Personen identifizieren sich weniger mit einem Unternehmen und haben größeres Interesse daran, die eigenen Wünsche zu realisieren – selbstbestimmt zu leben. Man könnte sogar so weit gehen und die Frage stellen, wer denn die Wirtschaftsmächte Europas führen soll, wenn es so schwierig ist, an geeigneten und motivierten Nachwuchs zu kommen. Werden Arbeitnehmer irgendwann aufhören effektiv und motiviert zu arbeiten, weil jetzt schon 60%  innerlich bereits gekündigt haben? Vielleicht gibt es kaum noch Arbeitgeber, die unser Potential ausschöpfen. Wer bringt dann fortschrittliche Erfindungen voran, die uns helfen uns evolutionär weiter zu entwickeln?

Dennoch ist es fraglich, „in welchem Umfang die vielen kleinen Akteure, die Designer-Start-Ups, die Maker, die DIY-Aktivisten und die Hobby-bastler, der Industrie mittelfristig Marktanteile“ abnehmen können. [10] Spannend ist hier auch, dass nach wie vor der Begriff des „selbst machen“ positiv und negativ behaftet ist. Der positive würde für den gesellschaftlichen Rückschritt, der negative für den Fortschritt stehen.

Des Weiteren entsteht durch das Gesundheitswesen keine natürliche Selektion mehr, in der die Angepasstesten überleben. Die Stärksten und Intelligentesten sind so stark in unser Wirtschaftssystem eingegliedert, damit keine Zeit  mehr für Fortpflanzung ist.  Wer bekommt heute noch die meisten Kinder? Ist anhand dieser These der evolutionäre Rückschritt festzumachen?

Allerdings muss an dieser Stelle auch gesagt werden, dass der Wandel hin zum Handwerklichen auch anders verstanden werden kann: Es ist eine Veränderung zu spüren dem be- und abhandelnden von Handwerk hin zum Verstehen des Handwerks. [11] Vielleicht wird dieser Rückschritt, der sich darin bemerkbar macht, die Dinge genau zu verstehen, benötigt um den nächsten großen Fortschritt zu bewältigen. Das Interesse nach Kontrolle und potentiell anwendbarem Wissen [12] ist groß. Somit darf man schon gar nicht mehr von Rückschritt sprechen, sondern der vermeintliche Rückschritt wird sich in Fortschritt äußern.

2. Verändern sich unsere Bedürfnisse? Selbstverwirklichung: Wünsche – Rahmen – Wertewandel

Was ist Selbstverwirklichung und in welchem Rahmen findet sie statt?

Bevor die vorherige Generation  in die Stadt gezogen ist und viel aufgeben musste um anderes zu schaffen, war vermeintliche Selbstverwirklichung erreicht. Nicht umsonst sind Zeitschriften wie ‚Landlust‘ oder ‚Burda style‘ oder ‚Living at home‘ so erfolgreich. Das was darin und in unzähligen anderen vermittelt wird ist das Gefühl der schönen Zeit. Zeit mit Freunden, im eigenen Garten, Zeit für sich, Zeit mit den Kindern, Zeit Zuhause, Zeit zum Leben. Aber sieht so Selbstverwirklichung aus?

Jetzt und in Vergangenheit ging man davon aus, dass die totale Selbstverwirklichung mit einem aufstrebenden Lebenslauf, erfolgreicher Karriere, einem hohen Gehalt und einer hervorragenden Altersabsicherung einher ging. Erst wenn man die finanzielle Unabhängigkeit erreicht hat, eigentlich nicht mehr arbeiten muss und es nur noch aus Interesse tut, ist man selbst verwirklicht. Es gibt nicht viele Menschen, die denken, sie können sich komplett frei in Ihrer Umwelt, ohne Zwänge und Verpflichtungen, bewegen. Aber üblicherweise ist dieses Maß an oberstem Bedürfnis erst im hohen Alter gestillt. Und das dann noch nicht einmal lange. Denn wenn erst einmal gesundheitliche Probleme eintreten war es das schnell mit dem beschwingten, grenzenlosen Lebensstil.

Aber möglicherweise besteht ein Wandel: Die totale Selbstverwirklichung soll nicht mehr erst im Rentenalter stattfinden, sondern früher und mit weniger Aufwand verbunden. Wie sieht denn die Selbstverwirklichung im jungen Alter aus? Man will ja möglichst früh damit anfangen, um viel davon zu haben. Als bildliche Darstellung findet man bei Google-Bildersuche in die Ferne blickende Menschen, meist über einem Horizont blickend. Sieht so also Selbstverwirklichung aus? Bei Sonnenuntergang die Arme ausstrecken und in die Luft springen und das am besten noch auf einem Berggipfel? Eigentlich ziemlich spannend: Jede Darstellung von Selbstverwirklichung ist in der Natur abgebildet. Sinnbilder wie Fliegen, Bergsteigen, Kanufahren, auf einem Gipfel sitzen oder Auto fahren in der Einsamkeit. Und meistens alleine. Wieso so viel Natur? Warum so viel Einsamkeit? Die Antwort: Stille und der Wunsch danach.

Vielleicht Ist das alles nur Esoterik Gerede, wenn Männer in weißen Leinen T-Shirts mit einer feinen Kette um den Hals tiefenentspannt und lässig an einem Holzhaus lehnen. Aber vielleicht entspringt das „sich drüber lustig machen“ dem Neid. Neid und Respekt vor Menschen, die stärker sind als du selbst, denn sie schaffen es einen wünschenswerten Lebensstil umzusetzen. Sie sind stark genug um das zu tun was sie wirklich wollen.

Die Durchschnittsgesellschaft drückt ihr Verlangen nach Selbstbestimmung anders aus. Sicherlich gibt es zwei Arten der Ausführung von Selbstverwirklichung: Einmal die Bewegung in der Natur und einmal das totale Aufgehen in einer bestimmten Tätigkeit. Also ist die Aussage es geht „nicht nur ums praktische Tun im Außen, sondern mehr um das Sein“ falsch? [13]
Das Besondere der Gesellschaft ist aber derzeit, dass es anders kommuniziert wird.
Jeder handwerklicher Vorgang, sei es das dekorieren von Cup-Cakes oder das Fällen eines Baumes wird mit Filtern übersät, um es noch authentischer und emotionaler zu machen. In den sozialen Netzwerken wird es anschließend geteilt, geliked und bestaunt. Die Gesellschaft will anderen mitteilen, dass manchmal noch selbstbestimmt Tätigkeiten vollzogen werden können und ohne sämtliche Filter würde es schon gar nicht mehr glaubwürdig sein.

Wieso wird das alles gewollt ? Selbst nähen, schreinern selbst backen? Nimmt das Qualitätsbewusstsein zu, dass gehofft wird zu erlangen, wenn selbst die Tücken und Grenzen des Handwerks kennengelernt werden? Oder geht es um Kulturelle Abgrenzung und Ausdifferenzierung? Bestes Beispiel das Votum zum Brexit vergangenen Monat. Einer der Hauptgründe den möglichen Ausstieg ist mehr Kontrolle, wie es auch im Wahlspruch von Boris Johnson ‚#Take control‘  deutlich wird. Außerdem besteht die Angst vor der angeblichen Zunahme  von Migranten und Zuwanderern. Aber warum wollen die Briten niemand fremden in deren Land? Wieso wird wieder stärker patriotisch gedacht und sich nationalistisch verhalten?
Also ist der Wunsch nach mehr Kontrolle eine Äußerung des Wunsches nach mehr Selbstbestimmung? Was gilt es zu bewahren?: Das Gut der Selbstverwirklichung gilt es beizubehalten und all das was damit verbunden ist zu praktizieren aus der Angst heraus es zu verlieren.

„Der Weg zum Tun ist zu sein.“  Lao-tse

Wertewandel

Oft werden Gesellschaften typisiert und es fallen Begriffe wie Risikogesellschaft, Informationsgesellschaft oder Mediengesellschaft. Darüber hinaus besteht aber häufig Einigkeit darüber, dass  die Gesellschaft in einem Zeitalter lebt, „in dem die meisten Menschen größere Freiheitsgrade denn je haben“ [14]. In dieser Gesellschaft wächst auch die Chance der individuellen Entfaltung und diese wird auch in der eigenen Zielsetzung deutlich. Diese handelt verstärkt von Selbstentfaltung und Selbstverwirklichung. [15] Somit steht auch nicht länger Besitz und Pflicht an oberster Stelle, sondern Selbstverwirklichung und Partizipation. [16]

Ebenso ist der Wertewandel in der Industriekultur zu spüren: Die Gesellschaft sehnt sich nach emotional ansprechenden, langlebigen Produkten, an Stelle von kurzlebiger Konsumware. [17]
Wieso ist das so? Man geht davon aus, dass die Jugend in einer Zeit aufwachse, in der Wohlstand gang und gebe ist. Man verspüre „keinen Mangel an materiellen Gütern und Sicherheit“ [18]#

2.2 Der mögliche Wandel der Bedürfnisse anhand von Maslow‘scher Pyramide

Pessimistischer Ansatz:

These: Die Zunahme an Handwerklichkeit als unterbewusste,  provisorische Fähigkeitengewinnung aus innerer Unsicherheit heraus.

Handwerk und Grundbedürfnisse – eine engere Bindung lässt sich wohl kaum finden würde man denken. Wenn man sich die Lebensbereiche ansieht, mit denen zunehmend der Wunsch nach mehr Handwerklichkeit verbunden wird, bemerkt man, dass es um die Basics der Bedürfnisse geht, nämlich die Grundbedürfnisse.

Wie schon Maslow’s Bedürfnispyramide zeigt, umfassen die Sicherheitsbedürfnisse Sicherheit, Stabilität, Schutz und Struktur. „Wenn die physiologischen Bedürfnisse befriedigt sind, die Sicherheitsbedürfnisse aber nicht, bestimmen diese weitgehend unser Verhalten“. [19] Ist die Menschheit gerade auf dem besten Wege sich an der Bedürfnispyramide und uns somit wieder in den Bereich der Defizitbedürfnisse herunter zu hangeln?

Überall fällt das Wort Sicherheit. In dem neuen Beschluss des SPD Parteivorstandes kommt gleich 14 mal das Wort Sicherheit vor. Ist das derzeitige Leben wirklich so unsicher? Ute Vogt legte in ihren Reden viel Wert darauf, dass die Hauptaufgabe in Zukunft darin bestünde, „für soziale Sicherheit, solidarische Absicherung im Alter zu sorgen und gegen elementare Lebensrisiken vorzubeugen“. [20] Sind nun diese elementaren Risiken etwa noch eine Stufe unter den Sicherheitsbedürfnissen? Wird versucht mit dem mit dem gesellschaftlichen Hang zur Handwerklichkeit die Grundbedürfnisse zu decken? Wollen wir etwa wieder lernen, wie Dinge, von einfachen Produkten bis hin zu Essen, gefertigt werden, um uns im Notfall selbst  versorgen zu können? Gerade noch in der Lage einen Knopf selber  anzunähen und schon wird man als Abhängiger der Industrie gesehen.

Eigentlich wird dies schon sichtbar in Publikationen wie dem Whole Earth- und Shelter Katalogen, die seit Jahren stets neu aufgelegt werden. Hier findet man Tipps um umweltfreundliche Techniken im Hausbau, bei der Landwirtschaft und bei der Güterproduktion selbst zu erproben. [21] Das Streben nach „Unabhängigkeit von der industriellen Infrastruktur durch die Aneignung grundlegender Fähigkeiten zur Selbstversorgung“ wird dort aufgezeigt. [22]

Bei den ganzen  Handwerklichen Tätigkeiten und Bewegungen wird vor Allem das Erfüllen des Bedürfnisses nach sozialer Anerkennung sichtbar. Dieses findet sich auf der vorletzten Stufe der Maslowsen Bedürfnispyramide. Und dabei helfen soziale Netzwerke  wie Pinterest, Facebook und Instagram enorm. Vielleicht sind sie sogar ein so großer Antrieb, dass der Wunsch nach Selbstverwirklichung erst in der heutigen Zeit komplett erfüllt werden kann, da es früher noch keine sozialen Netzwerke gab. Somit ist sicher, dass Selbstverwirklichung erst erreicht wird, wenn Anerkennung vorliegt.

Optimistischer Ansatz:

Gegenthese: Das höchste der Bedürfnisse (Bedürfnis nach Selbstverwirklichung) zeichnet sich in der Lebensweise ab, in der es nicht mehr gilt,  so weit es geht nach oben streben, weil dann stärkere Selbstverwirklichung möglich ist.

Selbstverwirklichung und Handwerk- auch eine enge Verbindung?
In der handwerklichen Tätigkeit kann endlich mal die eigene Vorstellung realisiert werden, indem Objekte mit den eigenen Händen geformt werden und aktiv einen Fortschritt beobachtet werden kann. Direktes Feedback und kurzfristige Erfolgserlebnisse entstehen und man kommt in den Genuss der temporären  Entschleunigung. Die Nutzer können sich mit dessen Leistung identifizieren und bemerken es, wenn das Ziel erreicht ist. Vor allem wird in der normalen, beschleunigten Welt der kleine Erfolg nicht mehr sichtbar. Normalerweise wird an dem großen Ganzen gearbeitet und  Erfolgserlebnisse werde nicht mehr realisiert. Schließlich geht es doch immer und immer weiter, denn ein Abschluss ist selten zu sehen. Deshalb gerät der Wunsch nach mehr Handwerk auch auf, denn Veränderung wird sofort bemerkt  und ein Ende ist immer in Sicht. Der Prozess des handwerklichen Schaffens birgt Solz, Wut und Selbstbewusstsein in sich.

Man könnte ja denken, dass sich die Gesellschaft  zurück zu  alten Traditionen, Ritualen und Vorstellungen sinnt, weil  Angst besteht, diese zu verlieren. Das Festgehalten an beständigen Werte in Zeiten der Unsicherheit und des Wandels ist nachvollziehbar. Man könnte es so deuten, dass ein Zurücksinnen an  Physiologischen Bedürfnissen und Sicherheitsbedürfnissen vorliegt. Aber es ist auch denkbar, dass wir, obwohl wir an alten Werten festhalten, den Bedürfnis nach Selbstverwirklichung verstärkt nachgehen, gerade weil wir uns in so komplexen Welten befinden.

2.3 Zweifel an Maslow‘scher Pyramide: Vereinigung von Selbstverwirklichung und Grundbedürfnissen

Ziemlich kontrovers das Ganze: Einmal werden mit den gleichen Tätigkeiten die Grundbedürfnisse gestillt, und einmal wird Selbstverwirklichung erreicht.
Hier ist allerdings die „Unterscheidung zwischen rein subjektiv empfundenen und objektiv gültigen Bedürfnissen – wobei ein Teil der ersteren das menschliche Wachstum behindert, während letztere in Einklang mit den Erfordernissen der menschlichen Natur stehen“ von Bedeutung.[23]
“ Die Entwicklung dieses Wirtschaftssystems wurde nicht mehr durch die Frage: Was ist gut für den Menschen? bestimmt, sondern durch die Frage: Was ist gut für das Wachstum des Systems“ ?[24]
Der Drang nach Sicherheit wird mit dem Bedürfnis nach Selbstverwirklichung vereint. Somit könnte Maslow’s Theorie bestritten werden. Laut Maslow geschieht die Erfüllung der Bedürfnisse nacheinander. Wenn das eine befriedigt wurde kommt das nächst höhere Bedürfnis.

3. Fazit

Der Mensch strebt nach Selbstverwirklichung, obwohl manchmal noch nicht einmal die Defizitbedürfnisse gestillt sind. Das liegt daran, dass er in einer wohlhabenden Gesellschaft aufwächst, die hohe Freiheitsgrade mit sich bringt. Es ist nicht mehr üblich, sich um die Grundbedürfnisse kümmern zu müssen. Der Drang nach Selbstbestimmung läuft manchmal parallel und manchmal entgegen dem Stillen der Grundbedürfnisse. Deshalb ist es zwar kontrovers, aber auch verständlich.

Vielleicht ist die Gesellschaft aber demnächst auch gelangweilt von dem Überschütten von Metaebenen, speziellen mitschwingenden Bedeutungen, die überall anzutreffen sind. Bei jeder Kaufentscheidung ist die Konfrontation mit tausenden Gütesiegeln, Nachhaltigkeit-Emblemen und sozialen Projekten, vorprogrammiert. Diese ständige Rechtfertigungen führen zu dem Hauptgrund der Handwerklichkeitsbewegung: Dem Wunsch nach Konkretem.

Quellen

[1]               Horx, Matthias: Das Buch des Wandels: Wie Menschen Zukunft gestalten, München 2009, S.204

[2]               Vgl.. Horx, Matthias: Das Buch des Wandels: Wie Menschen Zukunft gestalten, München 2009, S.204

[3]             McGuirk, Justin: The art of craft: the rise of the designer-maker, in: The Guardian, Stand 1.August 2011. URL: https://www.theguardian.com/artanddesign/2011/aug/01/rise-designer-maker-craftsman-handmade abgerufen am 7.7.2016

[4]             Vgl.: McGuirk, Justin: The art of craft: the rise of the designer-maker, in: The Guardian, Stand 1.August 2011. URL: https://www.theguardian.com/artanddesign/2011/aug/01/rise-designer-maker-craftsman-handmade abgerufen am 7.7.2016

[5]    Vgl.: Schindelarz, Annika: DIY OR DIE: Selbstermächtigung durch Selbermachen? in Breuer, Gerda (Hrsg.): seriell – individuell Handwerkliches im Design, Weimar 2014, S. 227

[6]    Fromm, Erich: Haben oder Sein: Die gesellschaftlichen Grundlagen einer neuen Gesellschaft, München 2016, S. 242

[7]             Vlg. Morris, Williams: Die Ziele der Kunst (1887), wiederveröffentlicht in:Conrads, Ulrich: Ästhetik der schönen Genügsamkeit oder Art & Crafts als Lebensform. Programmatische Texte, Wiesbaden 1998, S.128-132.

[8]             Sennett, Richard: Handwerk, Berlin, 2009, S.19

[9]    Vlg. Cornelia Raidel: Lawinen in Zeitlupe: Interior Fashion Nr. 2/2016 (2016), S. 15

[10]          Steffen, Dagmar: Das Handwerk als Produktions-und Arbeitsstil. Widerstand, Koexistenz und Konvergenz zur Industriekultur, in Breuer, Gerda (Hrsg.): seriell – individuell Handwerkliches im Design, Weimar 2014, S. 24

[11]          Vgl. Gaspar, Mònica: Craft in its Gaseous State, in Breuer, Gerda (Hrsg.): seriell – individuell Handwerkliches im Design, Weimar 2014, S. 126

[12]          Vgl. Kuni, Verena: Gib mir fünf. Begriffe zu Handwerk, Deisgn und DIY, in Breuer, Gerda (Hrsg.): seriell – individuell Handwerkliches im Design, Weimar 2014, S. 116

[13]          Fischer, Elias: Erfahre jetzt mehr, in, Verwirkliche dich selbst!, Stand 25.Juni 2016, URL:http://www.lebeblog.de/selbstverwirklichung/

[14]          Hradil, Stegfan: Vom Wandel des Wertewandels- Die Individualisiert und eine ihrer Gegenbewegungen, in Glazer, WOlfgang und Habich, Roland (Hrsg.): Sozialer Wandel und gesellschaftliche Dauerbeobachtung,2002, S.31

[15]          Vlg. ebd.

[16]          Vlg. Hradil, Stegfan: Vom Wandel des Wertewandels- Die Individualisiert und eine ihrer Gegenbewegungen, in Glazer, Wolfgang und Habich, Roland (Hrsg.): Sozialer Wandel und gesellschaftliche Dauerbeobachtung,2002, S.31f.

[17]          Vlg. Steffen, Dagmar: Das Handwerk als Produktions-und Arbeitsstil. Widerstand, Koexistenz und Konvergenz zur Industriekultur, in Breuer, Gerda (Hrsg.): seriell – individuell Handwerkliches im Design, Weimar 2014, S. 19)

[18]          Vlg. Hradil, Stegfan: Vom Wandel des Wertewandels – Die Individualisierung und eine ihrer Gegenbewegungen, in Glazer, Wolfgang und Habich, Roland (Hrsg.): Sozialer Wandel und gesellschaftliche Dauerbeobachtung, Opladen, 2002, S.32.)

[19]          Stangl, Werner: Bedürfnispyramide von Maslow, in: Werner-Stangls Arbeitsblätter, Stand 25.Juni 2016. URL:http://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/MOTIVATION/Beduerfnis-Pyramide-Maslow.shtml

[20]          (Vogt, Ute: Rede der SPD-Landesvorsitzenden Ute Vogt, in: SPD Baden-Wüttemberg), Stand 25.Juni 2016. URL:  https://www.spd-bw.de/?mod=content&menu=140108&page_id=2184 (abgerufen am 1.7.2016)

[21]          vlg.  Steffen, Dagmar: Das Handwerk als Produktions-und Arbeitsstil. Widerstand, Koexistenz und Konvergenz zur Industriekultur, in Breuer, Gerda (Hrsg.): seriell – individuell Handwerkliches im Design, Weimar 2014, S. 19).

[22]          (Steffen, Dagmar: Das Handwerk als Produktions-und Arbeitsstil. Widerstand, Koexistenz und Konvergenz zur Industriekultur, in Breuer, Gerda (Hrsg.): seriell – individuell Handwerkliches im Design, Weimar 2014, S. 19)

[23]  Fromm, Erich: Haben oder Sein, München, 2016, S. 17

[24]  Fromm, Erich: Haben oder Sein, München, 2016, S. 20